FLÜCHTIGE SCHWARZE GEDANKEN

Ana Vujic
 

Ana Vujic | Flüchtige schwarze Gedanken | exhibition view, September 2018

 

Ana Vujic interessiert sich für figürliche Malerei, am meisten für solche, die sich der Realität nicht verschliesst. In ihrer neuen Publikation geht sie der Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft nach. Es sind flüchtige schwarze Gedanken.

 Ein Interview



What can art do? – no 1 | 2018 | mixed media | 47 x 34 cm

 

Ana, deine kommende Ausstellung heisst „Flüchtige schwarze Gedanken“. Woher kommt dieser Titel?

Der Ausstellungstitel ist gleichzeitig der Titel einer kleinen Publikation, die ich in der D.I.Y. – Manier in meinem Atelier selber gestaltet, gedruckt und herausgegeben habe.„What Can Art Do?“ ist der Untertitel. Es geht um eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft. Dabei ist es keine wissenschaftliche Erörterung – sondern viel mehr eine Reihe von spontanen, flüchtigen Gedanken, die wiederum Gegengedanken auslösen. Ich habe mich an eine Schreibmaschine gesetzt und rein aus dem Gedächtnis zu diesem Thema gearbeitet. Für die Publikation habe ich einzelne Sätze wieder rausgeschnitten. Das Buch besteht aus Wort – Collagen, welche gleichzeitig die „Gedanken – Fetzen“ versinnbildlichen sollen.




What can art do? – no 2 | 2018 | mixed media | 47 x 34 cm 

 

Und ist dir eine Annäherung an die Aufgabe der Kunst gelungen? Bist du auf ein eindeutiges Ergebnis gekommen?

Nein, es ist leider nicht möglich eine solche komplexe Wechselbeziehung Kunst – Gesellschaft auf eindeutige Ergebnisse runter zu brechen, das hatte ich aber auch keines Wegs vor. Versucht man schon Kunst zu definieren, führt es schnell zu Kopfschmerzen. Etwas was frei sein soll und historisch immer eine andere Funktion in der Gesellschaft hatte, entzieht sich automatisch einer klaren Definition. Mir ging es viel mehr darum, die inneren Zwiespälte aus der Sicht einer Künstlerin, die gegenwärtig agiert, zu hinterfragen. Das Büchlein kann eine Diskussionsplattform sein, es stehen keine allgemeingültigen Weisheiten.





What can art do? – no 3 | 2018 | mixed media | 47 x 34 cm 

 

Du hast deinen Text für das Buch auf eine Schreibmaschine geschrieben und dich dafür auf Zugreisen begeben. Was war der Beweggrund?

Ich habe vor zwei Jahren bereits Texte in einer Metro in Hamburg auf diese Weise verfasst. Der Grund damals war praktischer Art, ich habe in einem kleinen Bauwagen gewohnt und gearbeitet und hatte eines Wintertages den rauchenden Ofen mehr als satt. Das Schreiben auf einer Schreibmaschine ermöglicht mir eine Nähe zu meinen Gedanken – ich schreibe spontan und es gibt keine Korrektur und Umordnung der Sätze. Auch geht es dabei nicht um Perfektion, es werden sogar falsch geschriebene Wörter einfach stehen gelassen.





What can art do? – no 4 | 2018 | mixed media | 47 x 34 cm  

 

Wie haben die Passagiere auf dein Schreiben reagiert?

Man kann tatsächlich Menschen langsam damit schockieren, wenn man nicht auf einem Laptop Texte verfasst. Viele haben natürlich geschmunzelt. Mich fasziniert altes Handwerk im Allgemeinen: Mit alten Kameras experimentieren. Fotos selber enttwickeln oder Radierungen in Kupferplatten krazten, das sind Techniken, die ich neben meiner Malerei verfolge. Da ist die Schreibmaschine in einem passenden Rahmen.





What can art do? – no 5 | 2018 | mixed media | 47 x 34 cm 

 

Beschäftigt du dich schon seit Längerem mit sozialkritischer Kunst?

Ja, mich haben immer Künstler und vor allem Künstlerinnen faziniert, die gesellschaftskritische Themen in ihrer Arbeit aufgriffen. Martha Rosler’s Collage Bilder, die das Gutbürgerliche, Perfekte mit Szenen des Vietnamkriegs vereinen, haben sich in meine Hirnhaut eingeprägt. Ich fühle mich in der Schweiz heute genau so, wenn ich z.B. die Bilder aus Syrien im Internet sehe. Besonders während den 70er Jahren hat man die Rolle der Kunst und des Künstlers grundsätzlich hinterfragt – das ist in der Zwischenzeit etwas aus der Mode gekommen. Sowie es aus der Mode gekommen ist, an Demontrationen zu gehen. Dabei ist es ein demokratisches Recht, das sich viele auf dieser Welt wünschen würden.





What can art do? – no 6 | 2018 | mixed media | 47 x 34 cm 

 

Wo fängt den Kunst bei dir an?

Das ist eine sehr wichtige Frage, die ich mir immer wieder stelle. Es kann nicht sein, dass nur der vollendete Gegenstand oder Bild als Kunst deklariert wird, das häufig auf dem Markt wie jedes andere Produkt behandelt wird. Gleichzeitig stellt sich ja die Frage, wo denn Kunst aufhöre. Ich glaube, dass das jeder für sich selber entscheiden muss. Für mich ist es ein Dauerzustand Themen ästhetisch weiterverarbeiten zu wollen, zu malen. Dies geschieht auch unabhängig von Ausstellungen.





What can art do? – no 7 | 2018 | mixed media | 47 x 34 cm 

 

In der Ausstellung zeigst du auch ein grossformatiges Tuschebild mit einer liegenden, träumenden Frau im Zentrum. In welcher Beziehung steht es zu dem Geschriebenen?

Für mich war es von Anfang an klar, dass ich in der Ausstellung eine Gemälde zeigen werde, weil Malerei mein Hauptmedium ist und nicht das Schreiben an sich. Meine Malerei dominieren plakative Motive, dieses Gemälde ist ein Spur unklarer, mystischer. Es geht mir um die grundsätzliche Frage, nach dem Passiven und Aktivem , ob wir etwas sehen wollen oder uns bewusst abwenden, ob wir Initiative für Veränderungen ergreifen oder eher aufgeben und jammern.





What can art do? – no 6 | 2018 | mixed media | 47 x 34 cm

 

Du hast bereits in mehreren Bildern liegende Frauen gemalt und meist in ungewöhnliche perspektivsiche Postionen gesetzt. Wieso liegen deine Hautprotagonistinnen?

In meinen Bildern zeige ich tatsächlich öfters Liegende, bei mir sind es sogenannte „vivants-morts“, Menschen die aufgrund von gesellschaftlichen Umständen wie z.B. Krieg, gesellschaftlichem Druck oder Konsum in eine Art Ohnmacht oder Melancholie verfallen. Meistens sind auch in diesen Darstellungen auch Zeitungen etc. zu sehen, Medien, die auf Weltereignisse verweisen. Mir geht es aber immer um das Wecken, um den Ausbruch aus diesen Situationen. Das Schlafen ist nicht nur eine passive Aktion, es kann auch ein Motiv für Veränderungen sein, dann können wir träumen.





Reveillez-vous | 2018 | mixed media on canvas | 270 x 240 cm

 

Glaubst du an irgendeine Kraft von Kunst. Ganz einfach gefragt, kann oder soll Kunst die Gesellschaft verändern?

Ich glaube sehr wohl daran, dass „Kunst“ Inputs auf die Individuen der Gesellschaft sendet. Nur zu selten entseht Kunst unabhängig vom ganzen System, wenn dies überhaupt möglich ist, darauf wird sie meist in Institutionen und Galerien präsentiert, was wiederrum nicht allen den Zugang ermöglicht. Natürlich ist die Kunstwirkung nicht eindeutig messbar, Kunst beeinflusst kaum die politischen Wahlen oder kann eine Präsidenten absetzen. Aber sie kann sicherlich eine Plattform für Reflexion sein. Dies ist ja für Veränderungen auch von Nöten. Diese kapitalistische Welt fordert uns heraus, wir als Bürger müssen antworten, Künst müsste unangenehm sein als sie es ist.





Reveillez-vous | 2018 (details)





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