JENSEITS VON INNEN

Sergej Vutuc
 

Sergej Vutuc wurde 1979 in Jugoslawien geboren, einem Land, das nicht mehr existiert. Er wuchs in Bosnien und Kroatien auf, heute lebt und arbeitet er in Heilbronn und Berlin. In seinen neusten Schwarz-Weiss-Fotografien löst er sich von dem gegenständlichen Abbild, er sucht das Abstrakte und Unklare, weil es eine Realität als solche auch nicht gibt.

 

Sergej Vutuc | Jenseits von Innen, exhibition view June 2018

 

Ein Interview mit Ana Vujic

Sergej, für deine Älteren Fotografien bist du nach Japan, Palästina oder Israel gereist. Wo hast du deine neusten Bilder aufgenommen?

Die Bilder, die ich in der Publikation „Jenseits von Innen“ zeige, sind nicht mehr ortsgebunden, ich möchte vielmehr einen surrealen Raum generieren. Diese historisch aufgeladenen, symbolischen Orte auf der Welt haben sich in eine abstrakte Form entwickelt. In meiner neuesten Arbeit nehme ich nur bestimmte Ausschnitte von dem Gesehenen auf. Ich belichte die Bilder im Labor auf unterschiedliche Weisen oder füge Kratzspuren hinein. Ich möchte mit den Eingriffen und Verfremdungen mich selbst überraschen und mit einer Diskussion über unsere Wahrnehmung einen neuen Raum betreten.



Jenseits von Innen #1 | 2018 | risograph print | 29,7 x 42 cm | Edition of 10

 

Gibt es denn keine objektive Sichtweise auf die Welt, die sogenannte Realität?

Nein, für mich gibt es keine Realität als solche. Denn die sogenannte Realität wird stets seit dem ersten Schultag durch das System von aussen beeinflusst, welches uns etwas für das Leben beizubringen versucht. Wenn es so etwas gibt, dann sind Träume die einzige Realität. Sie sind etwas, was wir selber gestalten.




Jenseits von Innen #2 | 2018 | risograph print | 29,7 x 42 cm | Edition of 10


Und was waren deine Motive, was hast du genau fotografiert?

Ich fand es sehr interessant, mit dem Thema Körper zu experimentieren. Ich möchte zeigen, wie wir uns täuschen können, wenn wir denken, dass wir etwas sehen und somit als real bewerten. Bei meinen Aufnahmen ist das Motiv nicht eindeutig erkennbar. Ist es überhaupt ein Körper, was wir sehen? Und um welches Körperteil handelt es sich genau? Nicht nur das Motiv, sondern auch der Alltag und die Mehrdeutigkeit des Wahrnehmbaren prägen meine Bilder.




Jenseits von Innen #3 | 2018 | risograph print | 29,7 x 42 cm | Edition of 10


Zählt für dich mehr der Prozess des Manipulierens oder die fertige Fotografie?

Wir leben in einer Zeit, wo es einen Überfluss an Bildern und Selbstinszenierung gibt. Ich will etwas Anderes sehen. Ich liebe diesen ganzen Prozess und was die unterschiedlichen Reaktionen in dem Bild auslösen. Alles ist in steter Veränderung, alles ist im Fluxus. Wenn ich in der Dunkelkammer arbeite und mit dem Licht spiele, dann kann ich z.B. das Handy anschalten und das Bild „zerstören“. Gleichzeitig entsteht aber etwas Neues. Jeder Schritt unseres Lebens ist mit Aktion und Reaktion verbunden und das spiegelt sich in meinem Vorgehen wieder.




Jenseits von Innen #4 | 2018 | risograph print | 29,7 x 42 cm | Edition of 10

Gibt es Unterschiede, ob du eine Publikation gestaltest oder eine Ausstellung konzipierst?

Man kann ein Fotobuch und eine Ausstellung ähnlich betrachten. An beiden Orten muss man eine gewisse Dynamik kreieren, es gibt immer einen bestimmten Ablauf, wo man den Betrachter leitet. Der Vorteil einer Publikation ist natürlich, dass man diese Bilder besitzen und auch in einem privaten Rahmen immer wieder anschauen und teilen kann.




Jenseits von Innen #5 | 2018 | risograph print | 29,7 x 42 cm | Edition of 10

Du hast ja mit Fotografien angefangen, in der Zwischenzeit vervielfältigst du deine Bilder in Form von Publikationen. Wie füllst du die grossen Ausstellungswände?

In Ausstellungen zeige ich sogenannte „Blow Up’s“-Fotokopien, das sind Fotografien in Übergrösse. Die Wände gleichen dann den Buchseiten und umgekehrt. Wenn du davor stehst, hast du wirklich die Möglichkeit, in das Bild hinein zu tauchen. Ich habe jetzt angefangen, diese Wandbilder aus den A3-Kopien wieder von den Wänden abzunehmen und daraus Publikationen oder Buchobjekte zu gestalten, die wieder eine Art Originale sind. Mich interessiert die philosophische Bedeutung der Kopie.




Jenseits von Innen #6 | 2018 | risograph print | 29,7 x 42 cm | Edition of 10

Sergej, du nennst deine Fotobücher Publikationen oder Artist Books und distanzierst dich von dem Begriff Zines. Was ist der genaue Grund?

Für mich gehören die Zines dorthin, wo man idealistisch und naiv ist, sie sind der Teil einer Szene. Naiv meine ich hier absolut in einem positiven Sinne. Das, was wir heute häufig finden, ist die Gestaltung eines Trendproduktes in A5-Format. Es gibt zum Teil Galerien-Universitäten-Kooperationsprojekte, die mit den sogenannten Zines günstiges Werbemittel produzieren, um zeitgenössisch zu sein. Für mich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Es ist aber auch bei mir nicht mehr wie früher. Dank dem Verkauf von den Publikationen kann ich mir meine Arbeit und die Reisen finanzieren. Ich bin dankbar dafür, dass ich ohne die staatliche Finanzierung oder finanzielle Unterstützung durch Werbefirmen meine Projekte realisieren kann. Sehr dankbar sogar.

Ana Vujic, Mai 2018




Sergej Vutuc | Jenseits von Innen, exhibition view June 2018

Jenseits von Innen.

This exhibition begins a journey between exploring the landscape of flesh and passing moments on the way to somewhere; held in between, chosen by moment, by light, and by the energy drawn on the moment. It’s a melting point of Vutuc’s latest two publications: „There was something on the fence“ and „Jenseits von innen (beyond inside)“

Since the mid 1980s Vutuc’s work has been about observing the (over)development of modern society and the privatization of public space; nature being conquered by concrete, concrete being conquered by the subversive act of skating. The work is based in nomadic movement through space and time, an endless sense of mobility, existence in between cities, countries, borders, worlds etc. Contested spaces, such as Fukushima, Detroit, Chernobyl, Israel and Palestine-strong symbols of ongoing human error and conflict, mistakes and misdirections in socioeconomic development.

Then there is the documentation of this ever-shifting landscape (physical and symbolic) through analog photography, publishing zines, mounting exhibitions, making music, drawing on walls, constant collaboration (as the essence of human creative exchange) and generally non-stop action and movement; fragmenting, altering, rearranging reality over and over, as necessary.

Vutuc sees the „scratching on the surface of blurry dream and fantasy as the only existing reality based on self creation.“ The analog photo process allows for altering and scratching the film; another manipulation and questioning of (documented) reality. Adding to his poetic imagery music and sound allows an instant connection with the viewer, and reaction from an audience. All of this combined unifies the space of the work and allows a complete transformative experience. The energy created in this visual/soundscape confronts the viewer, challenging them to (re)see the strength and fragility of human relationships, family, tradition, intimacy, personal and global conflict. Vutuc’s work functions to shift our perception of reality, humanity, and society in general.

Sergej Vutuc currently lives and works in Berlin, Germany.



Sergej Vutuc | Jenseits von Innen, exhibition view June 2018




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