OHNE MESSE KEIN BROT
Der Galerist Guillaume Daeppen geht neue Wege


Interview: Alexander Marzahn


Der Galerist Guillaume Daeppen hat genug von Hochglanzkunt: Aus dem Galerienverband ist er ausgetreten, nun will er mit Szenenkunst ein neues Publikum ansprechen.


baz: Herr Daeppen, Ihre neue Ausstelung "you say art! we say yeah¨", punkig und grell, ist eine Absage an den Kunstmakrt. Erklären sie dem Galerienbetrieb den Krieg?
Guillaume Daeppen: Nicht gerade den Krieg. Aber der Kunstmarkt hat sich derart verändert, dass ich mir mehrfach überlegen musste, die Galerie zu schliessen. Doch ich will zeigen, dass eine Galerie immer noch etwas zu sagen hat. Und dass man mit der richtigen Kunst auch in Basel ein junges Publikum ansprechen kann. so konzentriere ich mich nun auf eine neue, sehr junge Generation von Künstlern, die oft von der angewandten Kunst herkommt: Grafiker, Designer, Musiker oder Autodidakten.


Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Ein Punkt war sicher der vergebliche Versuch, an der Art Basel teilzunehmen. Viele Sammler orientieren sich nur noch an den Messen. Zugleich sind diese so teuer geworden, dass man dort junge Kunst gar nicht mehr zeigen kann. So zwingt uns der Markt dazu, entweder teure, arrivierte Kunst zu verkaufen oder uns nach der Mode zu richten.


Kann eine Galerie, die nicht auf dem Radar der Kunstmessen aufscheint, noch überleben?
Kaum. Um heute mit Kunst Geld zu verdienen, muss man grosse Summen investieren. Wer von der Art Basel fliegt, hat es sehr schwer. Zudem ist das Rahmenprogramm mittlerweile so dicht, dass kaum ein Art-Besucher Zeit hat, auch noch eine Galerie zu besuchen. So stellte sich für mich die Frage: Will ich mich anpassen oder das machen, worauf ich wirklich Lust habe?


Ist das auch der Grund, weshalb Sie aus dem Basler Galerienverband ausgetreten sind?
Für mich lohnte sich die Mitgliedschaft nicht. Es war zu teuer und es passiert zu wenig. Zudem spricht dies mein Ziel- publikum nicht an. Ein Flyer mit Stadtplan ist ja gut und recht, aber das Internet ist schneller und oft kostenlos. Es gibt heute viele Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen.


Liegt das Problem am Standort Basel?
Tatsächlich fehlen in Basel die Sammler, die solche Kunst im grossen Stil kaufen. Ein weiteres Problem ist, dass öffentliche Gelder zur Kunstförderung direkt zu den Künstlern gehen und Werke nicht in Galerien angekauft werden. Das dritte sind die Künstler: In der Schweiz scheint mir die Genfer Szene derzeit spannender als die von Basel oder Zürich. Was die Kunst- schulen bei uns hervorbringen, ist oft sehr konzeptuell - das interessiert mich nicht.


Die Basler Kunsthochschule ist zu akademisch?
In dem sinne, dass Konzepte wiederholt werden und viel Theorie und Selbstreflexion betrieben wird. Es gibt einen Bruch zwischen dem Programm der Kunstschule und einer aktiven Szene, die sich mit den Bildern aus dem Internet und der urbanen Umgebung beschäftigt. Viele dieser Künstler arbeiten im Off, weil sich die Galerien nicht für sie interessieren.


Punk, Queer, Trash, Rebellion - gibt es eine solche Szene überhaupt in Basel?
Ja. Drei meiner Künstler studieren in Basel, einer wohnt sogar in meiner Strasse. Das Potenzial ist gross, ich erwarte, dass die Ausstellung viele ermutigt, sich ebenfalls zu melden. Man wird merken, dass hier etwas passiert und das wir wirklich frei sind in unseren Entscheidungen. Verkauf ist nicht das oberste Argument. Ich will meine Unabhängigkeit nicht verlieren und den Sammlern nicht nachrennen.


Was sagen die Sammler dazu?
Ich habe viele Sammler verloren. Das it eine Generationen-problem: Die meisten kaufen ein Bild, um es bedeutsam in der Wohnung zu platzieren. Die jungen Leute, die ihre Wohnung mit Möbeln aus der Brocki ausstatten und in der Küche Poster aufhängen, haben weniger Ehrfurcht. Das ist eine ganz andere Art von Denken. Dafür darf die Kunst nicht zu teuer sein.


An der Vernissage war die Galerie voll - offenbar hat das Konzept funktioniert.
Wir hatten rund 200 Leute, kaum bekannte Basler Künstler, dafür viele, die im kreativen Bereich arbeiten oder Projekte in besetzten Häusern machen. Also eine Szene, die bis jetzt noch nicht in eine Galerie geht. Wir haben im Quartier den Verein Reh4 gegründet, ein Verbund von progressiven oder subversiven Bars, Galerien, Designläden und so weiter. Das hat sicher geholfen, diese Kreise zu aktivieren.


Haben Sie keine Angst, dass Ihre grössten Talente abspringen, sobald eine Messegalerie lockt?
Damit muss man rechnen. Die einzige Möglichkeit, sich abzusichern, ist, von Beginn weg selbst auch Werke anzukaufen. Darüber hinaus darf man sich freuen, wenn Sammler auf einen aufmerksam werden, nachdem Sie gemerkt haben, dass ein Künstler vor drei, vier Jahren bei mir noch sehr günstig zu haben war.


In Basler Zeitung vom 20. Dezember 2007