Georgine Ingold


Heroes benennt Georgine Ingold ihre Bilder aus den letzten fünf Jahren und verweist damit auf Helden aus der Filmgeschichte wie beispielweise Marlon Brando oder aus der Sportwelt, mit denen sie eigene Erinnerungen verbindet. Der erste Held ihrer gemalten Bildreihen war der Kickbox-Weltmeister Andy Hug. Auch dem Country-Sänger Townes van Zandt galt eine Beschäftigung, dem sie sich über filmisches Material annäherte. Gemalte Filmstills aus dem Kultstreifen Heartworn Highways von James Szalapski über den Country-Star wurden auf der Leinwand abgespult.


Werke von Georgine Ingold sind so meist in Serien, die sich in der Wahl der Motive und der Stilmittel geringfügig voneinander unterscheiden. Jede Serie lässt sich als unabhängige Erzählstruktur lesen, eine Art Mikro-Geschichte, die mit jeweils angemessenen technischen Mitteln - entsprechend dem Motiv - umgesetzt werden und so in eine eigene Zeitstruktur gesetzt sind.


Die Bilder, die Georgine Ingold von ihren Helden malt, basieren auf filmischen oder fotografischen Vorlagen. Dies zeigt sich an den geöffneten Mündern, fragenden Blicken, den Gesten, den Positionen der Personen innerhalb des Bildausschnitts - und auch an der Art und Weise, wie das Licht auf sie gerichtet ist. Die Motive sind oftmals grell und stechend ins Licht gesetzt, was sich vor allem an den Konturen und den Schatten bemerkbar macht. Gesichter werden dadurch zu reliefartigen Gebilden, Kleidungsstücke zu Streifenmusatern, Hintergründe zu Ornamenten. Die Vorlagen - Filmsequenzen von Sekundenschnelle - werden durch diese Reduktion zu abstrakten Bildern. Der pastose Farbauftrag wiederum, die grobe Struktur der Pinselstriche sowie die Verschmelzung der Farben führen weit von den fotografischen Vorlagen weg und rücken die malerischen Elemente in den Vordergrund.


Das lässt sich eindringlich an der Serie über Andy Hug Kickbox-Kampf beobachten. Die Lichtführung in den Kampfszenen entfaltet hier seine volle Pracht. Georgine Ingolds expressive Malweise, die sich aus einzelnen Farbfeldern und -punkten zusammensetzt, passt sich der Dynamik und der Kraft der beiden kämpfenden Körper an. Das gleissende Licht der Scheinwerfer wird von den schweissglänzenden Muskeln zurückgeworfen. Diese Uebersteigerung der malerischen Mittel lässt den Schluss zu, dass die Helden zwar das Thema dieser Gemälde sind, gleichzeitig jedoch nur Anstoss für Georgine Ingolds malerische Recherchen. Es geht ihr weniger um das Abbild eines Helden, als um die visuelle Umsetzung eines persönlichen Empfindens.


Das zeigt sich vor allem in den neuen Bildern der Künstlerin, die seit dem Herbst 2007 entstehen und die weibliche Porträts in Filmszenen zum Thema haben. Diese Porträts werden zwar Selfportrait genannt, aber es ist unschwer zu erkennen, dass die Settings für die Personen aus der Welt des Films und TV-Serie stammen.


Gerade in einer von Medien geprägten Welt, in der unsere Realität und die Wahrnehmung von Personen öffentlichen Interesses von Bildern gesteuert oder ersetzt wird, ist dieses Thema von einiger Brisanz. Im Spiel des Selbst mit der virtuellen Welt des Films, mit medialen Situationen vermag die Malerei hier neue Erkenntnisse durch andere Sehweisen zu bieten. Denn es gelingt Georgine Ingold durch einfachste Abstraktionen, durch deutlich erkennbare Pinselstriche Gesichter und Figuren samt ihrem Umfeld in neue Bedeutungshorizonte zu transformieren.


Lioba Reddeker, 2008
im Katalog "... aus einem malerischen Land"
HANGART-7