Erfassen und Erinnern


Die figurative Malerei von Georgine Ingold hat starke Bezüge zu ihrem persönlichen Umfeld. Ein neugeborenes Kind, Freunde, Gebäude, Landschaften verweisen auf Begebenheiten und Geschichten aus dem (Er-)Leben der Baslerin. In ihrer Malerei gerinnen sie zu Bildern. Bilder, wie sie unsere Erinnerung speichert und darum scheinen sie dem Betrachter sogleich vertraut. Und sind ihm gleichzeitig fremd, da ihm die Geschichte unbekannt ist, auf die sie verweisen.


Wie Erinnerungen aus der zeitlichen Distanz oft klarer und deutlicher werden, so sind Ingolds Bilder auf Fernwirkung angelegt. Die Gesichtszüge erscheinen aus räumlicher Entfernung plastisch modelliert, reduzieren sich aber aus der Nähe zum abstrakten, flachen Nebeneinander von Farben. Erkennt man im Bildcharakter deutlich die Foto- und Filmvorlagen, nach denen Ingold malt, so zeugen die differenzierte Textur des Farbauftrags und die Lichtführung von ihrer jahrelangen Auseinandersetzung mit der Figur.


Wenn die Künstlerin meint, dass sie Orte und Menschen erst im Malen wirklich begreife, so ist das explizit in den Filmbildern zu fassen. In Einstelllungen und Sequenzen aus einem Dokumentarfilm der siebziger Jahre über den texanischen Country-Musiker Townes van Zandt (1944-1997) lässt Ingold Vergangenheit physisch präsent werden und belebt Gestalten wieder, die heute längst tot sind.


Hält sie im fotografischen oder gefilmten Bild den Augenblick fest, so bleibt dieser in seiner Zufälligkeit und Kürze noch abstrakt. Erst beim Malen wird er für die Künstlerin konkret, erst seine Uebersetzung in Leinwand und Farbe verleiht ihm Verbindlichkeit und Dauer. Damit eignet sie ihn sich an, macht ihn zu ihrer Erinnerung. Die zwar etwas Anderes ist als das ursprüngliche Ereignis, dennoch eine Realität.


Boris Schibler
in Basler Zeitung zur Anlass der Ausstellung "Colours of Light" in der Alten Universität, Basel