Trügerische Ruhe


Kunsthalle: Georgine Ingold


Eine Frau raucht eine Zigarette, sie scheint zu warten. Daneben blickt man in das Gesicht eines dunkelhäutigen, alten Mannes. Seine Augen leuchten und lassen sein Alter vergessen. Tiefe Schatten tanzen auf seinen sanften Gesichtszügen. Georgine Ingold verführt uns, eine eigene Geschichte zwischen den beiden zu erdenken. Wer ist dieser Mann, wer ist der junge Musiker, der auf dem nächsten Bild zu sehen ist?


Mit ihren kleinformatigen Gemäldeserien katapultiert uns die Basler Künstlerin mitten in den texanischen Westen. Gleich Filmstreifen hängen die Bildchen an den Wänden des Stadtkinofoyers und stimmen auf das ein, was da kommen wird. Wir verharren in einen Augenblick, in dem die Zeit angehalten wurde, Sekunden der absoluten Stille, der Spannung, als spürte man den trockenen Südwind und die lähmende Hitze über der Landschaft.


Tatsächlich waren es Filmstills aus dem Kultstreifen "Heartworn Highways" von James Szalapski, die der jungen Künstlerin als Ausgangspunkt dienten. Doch was im Film in wenigen Sekunden vorbeirauscht, zelebriert Georgine Ingold in ihren Gemälden. Es ist nicht die Geschichte des Country-Musikers Townes van Zandt, die Ingold hier nacherzählt. Vielmehr vermitteln ihre Bilder ein Lebensgefühl. Beiläufig eingefangene, banale Szenen werden zu Metaphern für die rauhe, aber ebenso melancholische Stimmung aus den Weiten von Marlboro Country.


Warme Töne von Rot bis Lila tauchen die Figuren in eine fast kitschig romantische Sonnenuntergangsatmosphäre. Mal zerfliessen die Farben, so hauchdünn sind sie aufgetragen, mal erlauben es die dicke Farbschicht, die expressiven Pinselstriche und die starken Schatten, nur von weitem die Figuren zu erkennen. Aus der Nähe betrachtet lösen sich die Gesichter in abstrakte Farbfelder auf und versperren den Blick hinter die Kulisse. Was bleibt ist eine gespannte, trügerische Ruhe.


Marion Benz


in Basler Zeitung vom 18. Dezember 2003