Bilder der Erinnerung


Georgine Ingold in der Galerie Daeppen


"Heroes Part 2: Marlon B. Never Dies" benennt Georgine Ingold ihre jüngste Ausstellung und verweist damit, wie unschwer zu erraten ist, auf Marlon Brando. Der erste Held ihrer Reihe war K1-Weltmeister Andy Hug, beides subjetive Helden, mit denen sie eigene Erinnerungen verbindet.


"Ich war etwa acht Jahre alt und meine Welt waren die Indianer, als mir meine Mutter eines Tages mit bewegter Stimme erzählte, dass ein grosser amerikanischer Schauspieler die Annahme eines grossen Filmpreises verweigert habe, um damit gegen die Unterdrückung der amerikanischen Indianer zu protestieren. Seit jenem Moment war Marlon Brando mein Held. Im Sommer 2004 dann, in der Absicht, ihn zum zweiten Hero meiner Reihe zu machen, las ich Marlon Brandos Autobiografie. Tief berührt, weil seine Aufzeichnungen mein Bild von ihm in jeder Hinsicht bestätigten, beendete ich gerade die Lektüre, als die Nachricht von seinem Tod durch die Presse ging."


Die Bilder, die Georgine Ingold von ihrern Helden malt, basieren auf filmischen oder fotografischen Vorlagen. Dies zeigt sich an den geöffneten Mündern, fragenden Blicken, den Gesten, den Positionen der Personen innerhalb des Bildausschnitts - und auch an der Art und Weise, wie das Licht auf sie gerichtet ist. Die Motive sind oftmals grell und stechend umgesetzt, was sich vor allem an den Konturen und den Schatten bemerkbar macht.


Diese Uebersteigerung lässt den Schluss zu, dass Marlon Brando zwar das Thema dieser Gemälde ist, gleichzeitig jedoch nur Mittel für Georgine Ingolds malerische Recherchen ist. Es geht ihr weniger um das Abbild eines Helden, als um die visuelle Umsetzung eines persönlichen Empfindens. Die erwähnten Gesten und Blicke sind nur aus der Entfernung wahrnehmbar. Von nahem überwiegt der pastose Farbauftrag, die Struktur der Pinselstriche sowie die Verschmelzung der Farben, die zu einer Ueberlagerung von malerischen und formalen Elementen führt. Gesichter werden dadurch zu reliefartigen Gebilden, Kleidungsstücke zu Streifenmustern, Hintergründe zu Ornamenten. Die Vorlagen - Filmsequenzen von Sekundenschnelle - werden durch diese Reduktionen zu abstrakten Bildern.


Dennoch bleibt - trotz der zunehmenden malerischen Dekonstruktion der Motive - ein Rest der ursprünglichen "Helden- Verehrung" bis zuletzt erhalten. Die Wechselwirkung von Film, Fotografie und Malerei stellt auch die Frage nach der Authentizität und Bedeutung von Bildern. Gerade in einer von Medien geprägten Welt, in der unsere Realität von Bildern gesteuert oder ersetzt wird, ist dieses Thema von einiger Brisanz. Die Malerei vermag hier neue Erkenntnisse durch andere Sehweisen zu bieten. Denn es gelingt ihr durch einfachste Abstraktionen Aussagen zu völlig neuen oder aber anderen Bedeutungen zu transformieren. Wer werden wohl Georgine Ingolds nächste Helden sein?


Simon Baur


in Kunstbulletin no Juli/August 2006