Crystal


Die künstlerische Arbeit von Friedhard Kiekeben wird von der überzeugenden Synthese verschiedener künstlerischer Medien, gestalterischer Prinzipien und theoretischer Konzepte bestimmt. Kiekeben verbindet z.B. den Einsatz modernster Technik in Form des Computers mit der Verwendung einer traditionellen druckgraphischen Technik wie der Radierung. Er lässt sich nicht von den ausufernden technischen Möglichkeiten des neuen Mediums verführen, wie in der "Computerkunst" häufig anzutreffen, sondern setzt diese gezielt und eingebunden in ein von Wahrnehmungs- und Erkenntnisinteressen bestimmtes künstlerisches Konkzept ein.


Grundlage und Ausgangspunkt einer jeden Arbeit ist eine "Matrix", die Kiekeben mit Hilfe eines Graphikprogramms am Computer entwickelt (der vielschichtige Begriff der "Matrix" spielt in der Arbeit von Kiekeben eine besondere Rolle). Eine solche Matrix besteht in einer spezifischen Anordnung bzw. Struktur aus weissen und schwarzen Flächen und bildet somit eine komplexe Informationseinheit. Sie ähnelt ihrem Wesen nach eher einer Idee oder einem Code und existiert als virtuelles Bild unabhängig davon, in welchem Medium sie eine konkrete Manifestation findet. Die Matrix kann beliebig reproduziert werden, z.B. als Computerausdruck, und sie kann in beliebig Zahl multipliziert und aneinandergereiht werden. Solche Reihungen einer oder mehrerer Matrizes benutzt Kiekeben als formale Gestaltungs- elemente, die er auf Druckplatten überträgt oder mit denen er in Installationen ganze Wand-flächen bedeckt.


Die druckgraphische Technik der Radierung ist bei der "Inset"-Serie Kiekebens eine Zwischenstufe auf dem Weg zum wandbezogenen Objekt. Das grundlegende Gestaltungs- prinzip ist allen Arbeiten der Serie gemeinsam: eine am Computer entwickelte formale Struktur wird auf eine Metallplatte übertragen und geätzt. Von dieser Druckplatte werden mehrere Abzüge abgenommen. Anschliessend wird sie zu einer U-Form gebogen und damit für weitere Abzüge unbrauchbar gemacht. Die Druckplatte und zwei Abdrücke werden im letzten Schritt zu einem dreidimensionalen Objekt montiert, bei dem die gebogene Platte als "Inset" (Einsatz) zwischen den Abdrucken liegt. Mit der Vereinigung von Druckplatten und deren Abzügen zu einer ästhetischen Einheit wird hier explizit die Frage nach dem Verhältnis zwischen Reproduktionsmedium und Produkt thematisiert. Der Betrachter erhält die Möglichkeit, dieses Verhältnis unmittelbar mit seiner Wahrnehmung zu überprüfen. Diesel Matrix manifestiert sich einerseits im feinen, nicht nur sehend, sondern auch fühlend erfahrbaren Relief der geätzten Metallplatte, andererseits spiegelbildlich in der illusionistischen Räumlichkeit der Abzüge.


Bei den "Friction"-Installationen, die Kiekeben in 1996 und 1997 in Köln und Frankfurt gezeigt hat, wird ein aus mehreren verschiedenen Matrizes gebildetes Grundelement horizontal und vertikal so oft in immer gleicher Abfolge aneindergereiht, dass es eine Wand-fläche vollständig bedeckt. Die Begrenzungen einer solchen Fläche hängen nur von den spezifischen räumlichen Gegebenheiten ab; prinzipiell könnte die Reihung bis ins Unendliche fortgesetzt oder zumindest fortgedacht werden. Steht ein Betrachter einer solchen Installation gegenüber, so nimmt er verschieden Eindrücke wahr, die von einem grundsätzlichen Dualismus geprägt werden. Dieser Dualismus könnte mit Begriffspaaren "das Kleine und das Grosse", "das Eine und das Viele", "das Individuelle und das Allgemeine" umschreiben werden. Auf den Standpunkt des Betrachters übertragen entspricht dem der Dualismus einer Wahrnehmung aus der Nähe oder der Distanz. Aus der Nähe betrachtet können die formalen Strukturen detailliert und exakt wahrgenommen werden. Sie werden als spezifisches Muster von Information (Schwarz) und Leerstelle (Weiss) bzw. Figur und Grund erkannt (diese Zuordnung von Schwarz und Weiss ist auch umkehrbar). Ebenso wird unmittelbar deutlich, dass es sich um gleichförmige Reihungen bzw. Wiederholungen derselben Grundelemente handelt.


Dagegen ist es dem Betrachter nicht möglich, gedanklich eines dieser Grundelemente zu isolieren bzw. abzugrenzen. Aus der Distanz betrachtet ändert sich das Bild. Die Kleinteilig- keit der Muster verschwimmt; statt dessen werden übergeordnete Strukturen und Rythmen erkennbar. Das Wiederholungsprinzip im Kleinen findet seine Entsprechung im Grossen: In der Horizontalen wiederholen sich die neun Grundstrukturen (Kölner Installation) mehrmals in der gleichen Abfolge, wodurch eine Dominierung der Vertikalgliederung entsteht. Der flachen Wandinstallation gegenübergestellt wurde eine neunteilige Installation von tief geätzten Aluminiumtafeln, in der dieselben Grundelemente neunmal in immer anderer Sequenz erscheinen.


Die Friedberger Installation "Crystal" basiert auf einem anderen Prinzip, das Kiekeben in seinen neuesten Arbeiten eingeführt hat. An die Stelle der rechtwinkligen Muster und gleich- förmigen Reihung identischer Grundmodule tritt ein Gestaltungsprinzip, das seine Analogie in der Kristallbildung in der Natur hat. Es gibt der Installation und der Friedberger Ausstellung ihren Namen "Crystal" und findet sich auch in den dreigeteilten Arbeiten der "Inset"- und "Triplet"-Serie. "Die bildnerische Formel, die jedem Kristallentwurf inneliegt, ist keine absolute Kodierung, die in der Ausführung und Rezeption zum immer gleichen Resultat führt, sondern ein Samen, der zu immer ähnlichen, doch nie gleichen wahrnehmbaren Formen führt... Das Kristallmuster ist wie eine Matrix, die, sobald sie das erste mal erschienen ist, unzählige Verfielfältigungen und Transformationen durchlaufen kann" (Kiekeben).


Die Kristallformen der Installation "Crystal" sind nicht der Natur entlehnt, sondern pure Artefakte, die in einem künstlerischen Prozess unter Zuhilfenahme der bildnerischen Möglichkeiten des Computers von Friedhard Kiekeben in Analogie zu Naturprinzipien geschaffen wurde. Das Ergebnis ist ein spezifisch für die Situation des Raumes konzipiertes, vibrierendes Feld leuchtender kristalliner Strukturen. Das Gestaltungsprinzip "Crystal" eröffnet eine Fülle neuer Wahrnehmungsmöglichkeiten und theoretischer Bezüge.


Johannes Kögler
1997