Damien Comment | Die Unfertigen


Die Adoleszenz mit all ihren Widrigkeiten und Schönheiten ist Programm im Werk des jurassischen Künstlers Damien Comment (* 1977). In seiner ersten Zeichnungsserie männlicher Jugendlicher (2006) – die durchaus auch in Erotikfilmen eine gute Figur abgeben würden – suggerierte er, nur zaghaft an der fotogenen Oberfläche zu kratzen. Bereits aber mit diesen postkartengrossen Kugelschreiberskizzen erschliesst der Künstler eine Interpretationsebene, die sich durch Auswahl des Bildausschnitts,  Formats und Mediums sowie durch die jeweilige Kontextualisierung der einzelnen Skizzen konstituiert und so die Sehgewohnheit des Betrachters hinterfragt; dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Softpornografie oder ein Lifestylemagazin handelt, das da dekonstruiert wird, um den homoerotische Blick in der zeitgenössischen Kunst zu reflektieren.


In den folgenden Arbeiten erweitert Comment augenscheinlich seinen Fokus: Das Innenleben seiner makellosen Halbwüchsigen wird nach aussen projiziert – das zähe Ringen Heranwachsender um Identität, das überhandnehmende Monstrum Sexualität, die damit einhergehende Unfähigkeit zur Kommunikation und schliesslich die gescheiterte Interaktion: Diese Konflikte entladen sich in oftmals bedrückend düsteren Landschaften, in undurchdringlichem Wald und hüfthohem Sumpf – als Metaphern für eine Problematik, die sich allenfalls vorübergehend als lähmend erweist. Vielmehr zeigen Comments Bilder die Spannung ständigen Suchens, Entdeckens und Ausprobierens, womit sie eine oftmals fieberhafte Dynamik gewinnen und in schmerzhaften Stürzen, Kannibalismus und anderen Nachtgesichten kulminieren. Das Unfertige seiner Charaktere zeigt sich an den teils fragmentierten Figuren, der sich auflösenden und auseinanderdriftenden Umgebung, dem zerlaufenden Hintergrund. Im Gegensatz dazu feiert der Künstler gleichzeitig die verspielte, ja versaute Schönheit der Jugend, deren Unschuld sich allenfalls noch zwischen den Baumstämmen in Form von scheuem Rotwild zu zeigen wagt. Doch ist dieses Reh nicht eine Fährte, die den Betrachter auf einen ironisierenden Bruch hinweist, welcher ihn seinerseits zum Voyeur und Stalker macht? Mit diesem Neben- und Ineinander der beiden Sphären von Oberfläche und Introspektion kreiert Comment jenen reizvollen Kontrastbogen, der in den letzten Jahren sein Werk bestimmte.


Mag man im Duktus seiner Figuren die Handschrift Elizabeth Peytons erkennen, so hat Comment, was die umgebenden Szenerien anbelangt, sein Auge wohl u.a. an Bildern Daniel Richters geschult. Mit der Motivwahl pubertierender Teenager – und klarer Präferenz für das männliche Geschlecht – reiht er sich ein in eine prominente Künstlerriege mit Norbert Bisky oder Walter Pfeiffer. Wie bei den genannten Künstlern, so gewinnt man auch bei Damien Comment den Eindruck, dass er mit seiner Kunst ein Vehikel gefunden hat, um einen gewissen Fetischismus kreativ umzusetzen; ein Fetisch, der sich im momentanen Zeitgeist und damit auch in der Mode mit ihren androgynen und epilierten Models widerspiegelt. Mit seiner Interpretation und künstlerischen Umsetzung seziert er aber gerade jenen Zeitgeist gnadenlos. Damit ist ihm die Aufmerksamkeit des Publikums sicher. Bleibt zu hoffen, dass aus Comments Lausbuben nach den Stürmen der Adoleszenz keine Biedermänner werden.


Kevin Heiniger
Basel, Juni 2011