Gefühlsstau am Tor zum Paradies
Damien Comment führt die Jugend in eine unterkühlte Sehnsuchtswelt


Die Bilder des in Basel lebenden Künstlers Damien Comment (31) sind eine Rutschpartie auf dünnen Eis. Es hält.
So ist das mit der Jugend und dem Pfad der Tugend. Kaum hat sie den kirchlichen Segen empfangen, da wallt auch schon das Blut und erröten die Köpfe, und nicht nur ehrbare Gedanken umnebeln die kleinformatigen Porträts. Später im Garten Eden, wo alles begann, posiert die Adoleszenz so unnahbar und doch raubtierhaft aufeinander fixiert, dass es nur eine Frage von Sekunden scheint, bis sich die aufgestaute Energie entlädt.


Damien Comment, von schlanker Statur und mit modischem Scheitel, wirkt weit weniger ungestüm als seine Arbeiten, mit denen er die Jugend aufs dünne Eis des hormonellen Erwachens und emotionalen Reifens schickt. Seine Bilder, so skizzenhaft und "unfertig" sie oft anmuten, lassen auf irritierend-faszinierende Weise vieles in der Schwebe; Wunsch und Wachtraum, Versuche und Versuchungen, Ahnungen und Mahnungen vermengen sich auf einem instabilen Terrain, betreten auf eigene Gefahr.


WALD UND WIESEN. Letztes Jahr war Comment als Gastkünstler des Kantons Jura in der Cité des Arts in Paris. Endlich konnte er sich ganz auf die Kunst konzentrieren, hat viel experimentiert, viel verworfen, manches mitgebracht. Mehr Farbe ist ins Bild gekommen, dafür gehen die Körper stärker auf Distanz. Der Grundunschärfe seiner Szenen, jenem durch Coolness gebändigten Verlangen der Jugendlichen, ist dies nicht abträglich.


Comment arbeitet schon lange genug in seinem Atelier in Basel, dass er sich hier heimisch fühlen darf. Von der Kunst allein kann er (noch) nicht leben. Zwei bis drei Mal pro Woche gibt er Zeichenunterricht in Porrentruy, wenige Kilometer vor Alle, dem 1600-Seelen-Dorf, in dem er aufgewachsen ist: zwischen Wiesen und Weiden, kein Ort der schönen Künste, auch seine Eltern hatten andere Talente.


Comment aber hat gezeichnet, sein erstes Werk mit zwölf, oben auf dem Estrich, als er vor einer Tischrunde im Elternhaus geflüchtet war. "Da realisierte ich plötzlich, dass ich das kann", erinnert er sich. Am nächsten Tag zeigte er das Bild seinem Zeichenlehrer. Der zog die Augenbrauen hoch und förderte das Talent nach Kräften. Später erwarb Comment an der FHBB Basel das Lehrerdiplom.


Vorher schon hatte er Bühnenbilder fürs Schultheater entworfen, Grafiken, sogar Kostüme, bald auch für professionelle Truppen, war selber Mitglied. "Ich muss mich auf ein Ding konzentrieren", sagt er heute, und man merkt, dass es ihm ernst ist mit der Künstlerlaufbahn und dass noch viel Arbeit auf ihn wartet. Und man hat das Gefühlt, er könnte das packen.


Die Bühnenbilder waren keine Illusionsräume. Nur einmal, für eine Oper, hat er ein Schiff gemalt vor einem blauen Himmel. Erst später im Stück sah man, dass es in einem Meer aus Steinen zermalmt wurde. "Ich mag solche Momente, in denen die Realität unvermutet eine Veränderung erfährt."


Die Spannung, die er im Bild erzeugt, rührt auch daher, dass er die Techniken gegeneinander ausspielt; in Grafit die akribisch ausgearbeiteten Figuren oder Figurengruppen; in Tusche, aus dem Handgelenk und manchmal nur angetönt, die Umgebung. Dann erst trägt er die Farbe auf, Acryllack oder Farbstift, mit Schwung, lebhaft, gestisch, zerstörerisch: "Ich mag es, einerseits Energie freizulassen, andererseits präzise, fast fotorealistisch zu arbeiten".


JUNGES REH. So spiegelt die offene Ausarbeitung die Unbehaustheit der Jugendlichen, die sich alle erst auf dem Papier kennengelernt haben: Comment nimmt Zeitschriften oder Internet-Bilder als Vorlage, collagiert sie am Computer. "Ich sehe mich wie ein Regisseur, der mit seinen Figuren arbeitet", sagt Comment. Er testet die Wirkung unterschiedlicher Konstellationen, lässt Boten des Imaginären über dem Bildgrund schweben - ein gerasterter Raubvogel, ein junges Reh, in Südamerika, so hat er später erfahren, das Symbol für Homosexualität:


Für manches gibt es biografische Erklärungen - "es sind Jugendliche, die eine sexuelle Freiheit haben, die ich nicht hatte", sagt Comment. Die Dringlichkeit der Bilder ist damit nicht hinreichend erklärt. Ein ausgeprägtes kompositorisches Gespür hält die Spannung hoch, grosses zeichnerisches Talent die Motive in Balance. Das Eis ist dünn, aber es hält. Am anderen Ufer angekommen, ist es zum Garten Eden nur ein Katzensprung.


Alexander Marzahn
in Basler Zeitung vom 16. Oktober 2008